11.02.2017 Politikkarrieren Politische Führung

Torsten Albig (SPD)

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Foto: Torsten Albig auf Betriebsräte- und Gewerkschafterkonferenz am 13. März 2012 / SPD Schleswig-Holstein / CC-BY-2.0

Torsten Albigs Aufstieg folgt weder dem Muster des Berufs- noch dem eines Karrierepolitikers. Über den wechselvollen Weg eines Politnomaden.

Karriere

Torsten Albig, Jahrgang 1963 und seit 2012 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, kann auf eine lange Karriere in der Bundespolitik zurückblicken – allerdings nicht in einem Wahlamt, sondern in der politischen Bürokratie. Die meiste Zeit seines Berufslebens war der jetzige Regierungschef nicht Inhaber, sondern Administrator politischer Macht. In Bremen geboren, in Ostholstein aufgewachsen, verschlug es Albig 1977 nach Nordrhein-Westfalen, wo er in Bielefeld sein Abitur machte und studierte. Dort begann 1982 dann auch sein politisches Engagement in der SPD. Er wurde Vorsitzender seines Ortsvereins und lernte in diesem Amt die Verhältnisse an der Parteibasis kennen.

Im Unterschied zu vielen Politikern, die eine Blitzkarriere absolvierten, begann Albig ganz unten in der Parteistruktur, in der kleinsten Organisationseinheit. Wiederum im Unterschied zu klassischen Berufspolitikern machte er jedoch keine sukzessive Parteikarriere, die ihn schrittweise in immer höhere Ämter führte und zudem über die parallele Ausübung verschiedener Positionen absicherte. Nein, Albig beschritt einen anderen Weg: im Fahrwasser politischer Amtsträger, denen er zuarbeitete. Den Zugang zu Bürotrakten politischer Schaltzentralen, in die Albig gelangte, beschafften Andere, indem sie demokratische Abstimmungen für sich entschieden. Albigs Aufstiegsbedingungen weichen also sowohl von dem Typus des reinen Karrierepolitikers als auch des konventionellen Berufspolitikers ab.

Der Politnomade

Im Anschluss an sein Jurastudium kehrte Albig 1992 in seine norddeutsche Heimat zurück und arbeitete zunächst in der Steuerverwaltung Schleswig-Holsteins. In Lütjenburg setzte er seine Parteiarbeit in der SPD fort, wurde dort Mitglied des Magistrats und übernahm den Fraktionsvorsitz der sozialdemokratischen Stadtverordneten. Zwei Jahre später wechselte er erneut nach Nordrhein-Westfalen, diesmal für die schleswig-holsteinische Hauptstadtvertretung in Bonn. Nochmals zwei Jahre später stellte er sich auch hauptberuflich in den Dienst der SPD, als er einen Job in der Parteizentrale antrat, direkt im Büro des neuen Bundesparteivorsitzenden Oskar Lafontaine. Der saarländische Ministerpräsident hatte gerade eine Parteikrise genutzt und sich zum Nachfolger des glück- und erfolglosen Rudolf Scharping an die SPD-Spitze wählen lassen.

Albig war nun mit der Vorbereitung des Bundestagswahlkampfs 1998 beschäftigt, wollte an der Seite von Lafontaine und Schröder der Ära Kohl ein Ende setzen. Bis zum Urnengang war er im Planungsstab tätig. In dieser Zeit rückte er eng an die Seite Lafontaines – so eng, dass dieser ihn nach dem Wahlsieg im Herbst 1998 mit in das Bundesfinanzministerium nahm.

Bekanntlich war Lafontaines Hauptstadtaufenthalt nur eine Episode von kurzer Dauer – nicht hingegen für Albig. Nachdem sich Lafontaine mit Gerhard Schröder, dem Bundeskanzler, überworfen hatte und im März 1999 von all seinen Ämtern zurückgetreten war, bewog sein Nachfolger Hans Eichel den Lafontaine-Mann Albig zum Bleiben. Bis 2001 fungierte er als Sprecher des Bundesfinanzministers. Dann kehrte er vorerst der Politik den Rücken, doch ein Karriereversuch in der freien Wirtschaft schlug fehl, Konzernsprecher der Dresdner Bank war er bis zu deren Verkauf im Sommer 2001 nur kurz.

Und wieder bildete Schleswig-Holstein einen Fluchtpunkt, auf den Albigs Karriere immer wieder zuzulaufen schien. Von 2002 bis 2006 kehrte Albig von der großen Bühne in die beschauliche, jedoch nicht minder anstrengende Kommunalpolitik zurück. In der Landeshauptstadt Kiel arbeitete er als Dezernent und saß schon bald im Stadtrat. Aber auch hier hielt er es nicht allzu lange aus: 2006 ging er zurück in die Führungsspitze des Bundesfinanzministeriums, diesmal als Sprecher des neuen Ministers Peer Steinbrück – wie Albig ein Exil-Hanseat. Doch die Zeit dieses Duos währte nicht lange, 2009 flog die SPD aus der Regierung – und mit ihr die inzwischen angeblich zu Freunden gewordenen Albig und Steinbrück. An dieser Station seiner wechselvollen Karriere war Albig gerade mal Mitte vierzig.

Durch seine Tätigkeit in den Zentren der Macht hatte Albig bis dahin allerdings schon viel erlebt: In Bonn und Berlin war ihm die tückische Arbeit mit den Hauptstadtjournalisten in Fleisch und Blut übergegangen – als Sprecher dreier Bundesfinanzminister, somit Chefkommunikator eines notorischen Krisenministeriums, hatte er gelernt, unpopuläre Entscheidungen gegenüber kritischen Journalisten darzulegen, war vom holsteinischen Lokalpolitiker zum Kommunikationsvirtuosen gereift. Auch kannte er mittlerweile das Innenleben der SPD ganz gut, war sowohl an deren Basis aktiv als auch in der Parteizentrale gewesen. Damit war ihm zwar die Maschinerie der Spitzenpolitik vertraut; doch selbst hatte Albig dort noch kein Wahlamt bekleidet, hatte nie selbst im Brennpunkt einer großen Öffentlichkeit gestanden.

Freilich war Albig kein politisches Greenhorn; denn an der Seite von Lafontaine, Eichel und Steinbrück hatte er gewiss reichlich Anschauungsunterricht in der Führung eines politischen Spitzenamts genossen – zumal in der Finanzpolitik, die selten gute Nachrichten und entspannte Zeiten kennt. Aber im gefühllosen Kampf um politische Macht auf Elitenebene war er vergleichsweise unerfahren, und als Persönlichkeit außerhalb der Stadtgrenzen Berlins und Kiels weitgehend unbekannt. Wie schaffte er es dann aber, binnen so kurzer Zeit zum Ministerpräsidenten, zum Regierungschef eines von bloß 16 Bundesländern, zu werden?

Politischer Retter in Not

Zunächst: Der schleswig-holsteinischen SPD ging es nicht gut – seit 2005 der „Heide-Mörder“ umgegangen war, nahm sie im Landtag auf den Sitzen der Opposition Platz. Und wegen des christdemokratischen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen, der inzwischen als gemütlich-heiterer Landesvater in schier unerreichbare Beliebtheitssphären entrückt war, besaßen die Sozialdemokraten wenig Aussicht auf eine Rückkehr in die Staatskanzlei. Auch die Wahl 2009 ging verloren, der Spitzenkandidat Ralf Stegner fuhr mit 25,4 Prozent obendrein das schlechteste SPD-Ergebnis in der Geschichte des Bundeslandes ein. Stegner – dessen Karriere sich im Anschluss an diese drastische Niederlage noch einmal fangen sollte –verlor zwar nicht seine Machtpositionen; aber als Parteichef und Oppositionsführer war er damals nur noch eine Notbesetzung, ein Platzhalter bis zur Ankunft eines vielversprechenden Kandidaten. Insofern suchte der mehrfach gescheiterte Landesverband seinerzeit geradezu händeringend nach einem politischen Heiland, der die schicksalsgeplagten Sozialdemokraten von ihrer Misere erlösen würde. Albigs Zeit war gekommen.

Auf dem Weg, selbst ein Spitzenpolitiker zu werden, profitierte der bisherige Machtmaschinist davon, lange Zeit im Hintergrund für mächtige, einflussreiche, ständig in der Kritik stehende Politiker tätig gewesen zu sein. In der schleswig-holsteinischen SPD war er auf Landesebene zudem ein unbeschriebenes Blatt, unverbraucht und für einen Politiker in geradezu jugendlichem Alter. Was nun hinzukam, war seine Ambition, von der zweiten in die erste Reihe zu treten. Und dieser persönliche Ehrgeiz traf in der Schleswig-Holstein-SPD auf ein besonders empfängliches Umfeld.

Bereits 2008 kürten die Kieler Sozialdemokraten Albig zum Kandidaten für die anstehende Oberbürgermeisterwahl. Wie im Landtag war auch hier ein kleines Trauma zu bewältigen: Dem Gefühl nach wurde Kiel schon seit grauer Vorzeit von Sozialdemokraten regiert. Doch im März 2003 hatte die CDU-Bundestagsabgeordnete Angelika Volquartz mit ihrem Wahlsieg einen jähen Traditionsbruch begangen und der bis dato makellosen SPD-Historie einen beträchtlichen Kratzer zugefügt. Etliche Jahre später sollte nun Torsten Albig diese empfindliche Niederlage wettmachen. Und der nach seiner Zeit im Bundesfinanzministerium ausgebuffte Kommunikationsprofi ließ sich nicht lumpen.

Albigs Wahlkampf um das Kieler Oberbürgermeisteramt erinnerte damals von allen deutschen Politikern und Parteien wohl am stärksten an den von Barack Obama. Albig etablierte sich selbst als Marke. Stets trug er denselben Schal, was einen gewissen Wiedererkennungswert schuf. Und im Internet kursierten plötzlich Albig-Cartoons: Darin stürmte z.B. der Comic-Albig in rotem Trikot über den Fußballplatz, während eine frenetische Menge in Anlehnung an Albigs bevorstehenden Wechsel von Berlin nach Kiel und dem 1996er EM-Hit die Zeilen „He’s coming home, Albig’s coming home“ skandierte. Oder die Cartoons zeigten den kahlköpfigen Albig als wackeren Streiter für den Klimaschutz, wohingegen die Amtsinhaberin Angelika Volquartz sich achtlos mit Haarspray eindeckte. Darüber hinaus twitterte Albig im Stundentakt, vernetzte sich auf Facebook und fuhr mit Finanzminister Steinbrück und Vizekanzler Steinmeier hochrangigste Parteiprominenz auf. Albig gewann die Wahl im März 2009 und deklassierte dabei die Amtsinhaberin mit einem Vorsprung von über zehn Prozent der Stimmen bereits im ersten Wahlgang.

Aber sein neues Büro räumte er bereits nur kurze Zeit später wieder. Der Politiknomade Albig zog weiter, denn zwischenzeitlich hatten sich die Ereignisse überschlagen: Im Sommer 2010 erklärte das Landesverfassungsgericht die Sitzverteilung im Landtag für unzulässig und ordnete Neuwahlen an – nicht einmal ein Jahr nach den letzten, ebenfalls vorgezogenen Wahlen im September 2009. Wie gesagt, befanden sich die Genossen zwischen Flensburg und Norderstedt seit geraumer Zeit in einem alles andere als freudigen Gemütszustand. Ihre Bereitschaft, eine weitere Niederlage durchzustehen, war denkbar gering, die Partei daher offen für Neues. Jemand wie Albig, ein dynamischer Mann mit hervorragender Presse und einem kürzlich gefeierten Wahlsieg, kam ihnen gerade recht.

Nach Albigs Wahlerfolg in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt erweckten die Zeitungskommentare den Eindruck, als handle es sich bei Albig um einen kühnen Feldherrn, der gerade eine womöglich kriegsentscheidende Schlacht gewonnen hatte. Albig habe Kiel für die SPD regelrecht zurückerobert. Das war damals eine Geschichte, wie sie die Sozialdemokraten – und auch die übrigen Parteien – zuletzt selten erzählen konnten: Ein Außenseiter besiegte nicht nur die haushohe Favoritin und Amtsinhaberin, sondern tat dies auch noch mit einer deutlichen Mehrheit. Mit Vergnügen erhörte das Kieler Stadtoberhaupt den Ruf seiner Parteifreunde und ließ sich prompt zum Spitzenkandidaten für die anstehende Landtagswahl küren.

Den Wahlkampf bestritt er dann gegen eine angeschlagene CDU, deren Spitzenkandidaten niemand kannte, weil der eigentlich vorgesehene Spitzenmann Christian v. Boetticher kurz zuvor wegen einer Liebesaffäre mit einer minderjährigen Schülerin zurückgetreten war. Dank dieses politischen Skandals hatte es Albig also nicht gerade mit einem unbesiegbaren Gegner zu tun. Am Ende triumphierte er, gewann die Landtagswahl im Mai 2012.

Fazit

Was lehrt der Fall Albig? Torsten Albigs Erfolge waren weniger das wundersame Resultat eines famosen Senkrechtstarters, sondern verdankten sich zunächst einer rekordverdächtig niedrigen Wahlbeteiligung – lediglich 36,5 Prozent der Kieler Wahlberechtigten nutzten ihr Stimmrecht. Und auch bei der Landtagswahl sank die Wahlbeteiligung von 73,6 Prozent im Jahr 2009 auf 60,2 Prozent im Jahr 2012. Jedenfalls erhielt die SPD unter Albig rund 3.600 Stimmen weniger als unter dem umstrittenen Stegner drei Jahre zuvor, ihre Landtagsfraktion schrumpfte um drei Abgeordnete. Außerdem lag die CDU mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,4 Prozent auf Platz eins. Nur durch die Unterstützung zweier Koalitionspartner, mit den Stimmen der Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband, konnte Albig zum Regierungschef gewählt werden. Bei genauerem Hinblick verliert der große Erfolg also an Wirkungskraft und erweist sich als äußerst knappe Entscheidung. Und schon bei der Nominierung zum Spitzenkandidaten dürfte der desaströse Zustand der schleswig-holsteinischen SPD zu Albigs Erfolg viel mehr beigetragen haben als dessen persönliche Stärke. Ein biografisch solch sprunghafter und in der Landespolitik kaum verhafteter Charakter wie Albig wäre vermutlich als unerbetener Fremdling oder arroganter Parvenü aufgefasst worden, wenn dessen Landesverband besser aufgestellt gewesen wäre. So aber konnte Albig, ohne starke Konkurrenz und in der Umgebung einer verzweifelten Partei, als Rettungsfigur in Erscheinung treten.