12.08.2014 Politische Führung

Augustus: Virtuose der Macht

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Vor 2000 Jahren starb der erste römische Kaiser. Vier Jahrzehnte hatte er regiert, die von ihm geschaffene Ordnung hielt noch hunderte von Jahren. Begünstigt zwar durch gesellschaftliche Krisen, beherrschte Augustus dennoch meisterlich die Techniken der Macht. Was zeichnete dieses Politgenie aus?

Augustus (63 v.Chr.–14 n.Chr.), dessen Todestag nun 2000 Jahre zurückliegt, war nicht nur der erste Kaiser des Imperium Romanum, sondern mit einer Regierungszeit von über vierzig Jahren auch einer der beständigsten Herrscher der Weltgeschichte. Deshalb ist er häufiges Motiv althistorischer Forschung – Biografien und Darstellungen seiner Zeit füllen inzwischen ein ganzes Bücherregal. Aber Augustus war auch Politiker, ein Staatsmann, der ein Weltreich regierte und eine Herrschaftsordnung begründete, die mehrere Jahrhunderte Bestand hatte – das macht ihn auch für Politologen zu einem interessanten Forschungsgegenstand. An Augustus lassen sich zahlreiche Techniken des Machterwerbs und der Machterhaltung studieren, Qualifikationen, von denen manche für Politiker eines jeden politischen Systems bedeutsam sind, gleich ob in Diktaturen, Monarchien oder Demokratien. Die Antike sollte für die moderne Politikwissenschaft entdeckt werden, sie enthält einen reichhaltigen Fundus politologisch aufschlussreicher Aspekte.

Trotz seiner enormen Machtfülle war Augustus mitnichten offizieller bzw. formaler Alleinherrscher. Vielmehr verteilte sich seine Macht auf eine Vielzahl von Ämtern und Positionen, beruhte darüber hinaus auf unterschiedlichen Ehrentiteln und speiste sich aus Privilegien, die er von den damit normalerweise verbundenen Ämtern entkoppelt hatte. In vielen Fällen erhielt er die Befugnisse eines Amtes, ohne jedoch das Amt selbst zu bekleiden; dadurch ließ sich die Herrschaftsmacht nicht ohne Weiteres von einer anderen Person aneignen. Zudem erschien er stets als Auftragnehmer des römischen Volkes, das ihn mit der schweren Aufgabe der Herrschaftsausübung betraute. Seine Machtstellung ergab sich somit filigran über Um- und Sonderwege, behutsam vermied er den Anschein eines Ämter sammelnden Alleinherrschers. Dennoch hatte er am Ende eine konkurrenzlose Machtfülle akkumuliert, die ihm eine unanfechtbare Herrschaftsgewalt ermöglichte.

Augustus beherrschte gründliches Politiklernen. Während seiner Jugend inmitten der politischen Krisen, Machtkämpfe und verheerenden Bürgerkriege registrierte er Anlässe und Probleme unterschiedlichster Konfliktkonstellationen. Mit seiner politischen Beobachtungsgabe hatte er die Ursachen des Scheiterns seiner Vorgänger, hier v.a. der beiden Diktatoren Sulla und Caesar (seines Adoptivvaters per Testament), genauestens studiert und seine Lehren daraus gezogen. Auf Basis dieses Wissens suchte er in der Zukunft penibel deren Fehler zu vermeiden. So konzentrierte er sich darauf, nach einer langanhaltenden Phase der Krise sich als Garant stabiler Zustände zu profilieren. Er erkannte fundamentale Probleme und machte sich an deren schnelle Bewältigung. Dort, wo bislang nur ebenso provisorische wie prekäre Interimslösungen gefunden worden waren, fand er beständige Konzepte. So etablierte er den Senat wieder als primäres Regierungsorgan, womit er – wenn auch nur vordergründig – dem weitverbreiteten Wunsch nach einer Rückkehr zur republikanischen Staatsordnung nachkam; sodann leitete er eine Renaissance des Religiösen ein (Renovierung von ramponierten Tempelanlagen, Pflege vernachlässigter Rituale), womit er einer von der Bevölkerung als wichtig erachteten Institution zu einem gebührenden Stellenwert verhalf. Freilich profitierte er bei all dem von einem immensen Ruhe- und Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung nach vielen Jahren des Bürgerkriegs und der Ausbeutung durch korrupte Staatsvertreter.

Das von Augustus geschaffene Herrschaftskonstrukt war nur dem Anschein nach eine Rückkehr zur republikanischen Staatsform, de facto handelte es sich um eine Monarchie. In dieser simulierten Republik konnten jedoch die überkommenen Eliten scheinbar an der Machtausübung partizipieren, weiterhin um Ämter konkurrieren und das Ansehen ihrer Familien mehren, weshalb sie sich im Austausch für Insignien und Status mit dem monarchischen Herrschaftsprivileg des an Machtmitteln ohnehin nahezu unangreifbaren Augustus arrangierten. Außerdem fand Augustus einen Umgangsmodus mit den eigentlich degradierten Eliten: Die meisten seiner rechtlichen Befugnisse nahm er sich nicht in der Manier eines gebieterischen Herrschers, sondern ließ sie sich zuweisen; um den Anschein republikanischer Staatsführung zu wahren, praktizierte Augustus ein raffiniertes Vorgehen: Immer wieder musste er in einem sensiblen Kommunikationsakt der Senatselite seine Absichten signalisieren, damit diese anschließend in seinem Sinne Entscheidungen herbeiführen konnte, diese aber offiziell eigenmächtig traf. Mit der Zurückweisung ihm zuerkannter Triumphe nach siegreichen Feldzügen demonstrierte er Bescheidenheit (als Zeichen für Besonnenheit und Zurückhaltung) und lebte in schlichtem Wohlstand, bei dem er auf übertriebenen Luxus verzichtete. Augustus entwickelte also stabilisierende Rituale, in denen er immer wieder die Fortexistenz bestimmter Tugenden nachwies und anderen Amts- und Würdenträgern ein ausreichendes Maß an Respekt und Status zubilligte.

Auch besaß er eine realistische Einschätzung der Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, die in die Bereitschaft mündete, sensible Machtbefugnisse an Vertraute zu delegieren. So scharte er von Beginn an komplementäres Personal um sich, eine Gruppe zweifelsfrei loyaler Persönlichkeiten, die jeweils in spezifischen Bereichen seine Schwächen ausglichen, ohne dabei seine Stellung zu begehren und daher auch nicht als potenzielle Konkurrenten seine Position bedrohten. Zu diesem Kreis ungefährlicher Verbündeter gehörte der Militärführer Agrippa, der für den scheuen und auf dem Schlachtfeld wenig talentierten Politiker entscheidende Gefechte gewann; bedeutsam waren auch die beiden Stiefsöhne Tiberius und Drusus, denen Augustus unbedenklich größere Armeekontingente für Kämpfe in entlegenen Reichsteilen anvertrauen konnte. Maecenas, einer der reichsten Menschen seiner Zeit, fungierte dank seines diplomatischen Geschicks als wichtiges Korrektiv, das in brisanten Situationen zur angemessenen Besonnenheit riet. Regelmäßige konsultierte Augustus zudem seine dritte Ehefrau, Livia.

Über sein Reich spannte er ein dichtes Netzwerk der Patronage, das ihm in unterschiedlichen Teilen von Gesellschaft und Politik die Macht zu sichern half. Etliche Offiziere und Armeeführer verdankten ihm ihre Stellung und waren ihm deshalb in Treue verbunden. Immer wieder erhielten Soldaten aus den Händen von Augustus stattliche Prämien ausgezahlt, mit denen er faktisch ihre Ergebenheit kaufte. Und indem er wiederholt staatliche Aufgaben aus seinem Privatvermögen finanzierte, brachte er auch die römische Bevölkerung in seine finanzielle Abhängigkeit. Gestützt wurde dieses System durch einen sich selbstverstärkenden Klientelismus: Um der eigenen Familie die Gunst des Augustus zu erhalten, hinterließen zahlreiche verstorbene Angehörige der Aristokratie und verbündeter Staaten dem Kaiser beträchtliche Geldsummen, mit denen dieser wiederum auch künftig als Patron auftreten konnte.

Um dem Anschein seiner Unersetzlichkeit zusätzliche Überzeugungskraft zu verleihen, betrieb er Imagepolitik: Selbst vergleichsweise bedeutungslose außenpolitische und militärische Erfolge inszenierte er mit überschwänglicher Propaganda, in der Geschichtsschreibung setzte er das von ihm gewünschte Narrativ seiner Herrschaft durch. So ließ er sich von zeitgenössischen Großliteraten wie Vergil und Horaz in deren Werken zum Erretter Roms und Stabilitätsgaranten stilisieren und hielt in seinen „res gestae“ einen wunschgemäßen Leistungskatalog seiner Herrschaft fest. Selbst sein Name war Bestandteil seiner Imagekampagne: Der gebürtige Octavian ließ sich 27 v.Chr. vom Senat den konkurrenzlosen Beinamen „Augustus“ („der Erhabene“) zuerkennen, mit dem er den Beginn einer neuen Ära markieren und sich als Heils- und Friedensbringer inszenieren konnte. Missetaten hingegen verschleierte oder legitimierte er geschickt als normgerechtes Verhalten; so war der Kampf gegen den Antonius in der augusteischen Propaganda z.B. eine Verteidigung der römischen Gesellschaft. Und aufgrund zahlloser öffentlicher Bauten, die mit seinem Namen verbunden waren, konnte sich niemand der allgegenwärtigen Präsenz des Augustus entziehen.

Sicher, Augustus besaß eine Reihe von politiktauglichen Persönlichkeitsmerkmalen. Obwohl er oft kränklich wirkte und mehrfach am frühen Tod vorbeischrammte, erwies sich seine Physis als stark genug, um den Alltagsstress und die Rückschläge eines solch turbulenten Lebens an der Spitze eines Weltreichs (und den Weg dorthin) derart viele Jahrzehnte lang auszuhalten. Seine körperliche Gebrechlichkeit hatte er seit seiner Kindheit beträchtlich stärker als andere mit Disziplin, Durchhaltevermögen und Härte gegen sich selbst kompensieren müssen – allesamt Eigenschaften, die ihm im späteren Karriereverlauf hilfreich waren. Und er konnte skrupellos sein: Potenzielle Rivalen, wie etwa in Ägypten den gemeinsamen Sohn Cäsars und Kleopatras, ließ er ermorden.

Im Falle von Augustus hatten daneben aber v.a. die Selektionsmechanismen des politischen Wettbewerbs gegriffen. Mit ihm war letztlich ein Mann an die Spitze gelangt, der zuvor hatte unzählige Herausforderungen meistern und überlegene Fähigkeiten beweisen müssen, die zukünftig den Verbleib in seiner exponierten Stellung gewährleisten konnten.

Wer unter anderen Voraussetzungen an die Spitze gelangt, als er sie dort vorfindet, wird aller Voraussicht nach schnell scheitern. Denn an der Spitze kann er sich kein nachträgliches Erlernen des Umgangs mit Herausforderungen mehr erlauben; dies muss vorher, in ungefährlicheren Situationen geschehen sein; die Experimentierphase im Umgang mit Machterwerb und -behauptung muss abgeschlossen sein. So war es bei Augustus.

Kurzum: Die Betrachtung des römischen Kaisers Augustus zeigt, dass sich der Blick auf Persönlichkeiten der Antike auch für Politologen lohnen kann, um Erkenntnisse im Bereich politischer Führung zu gewinnen.